Der Osten fordert den Westen heraus

    Kontinuierliches Wirtschaftswachstum ist in der Menschheitsgeschichte ein sehr junges Phänomen. Erst seit der Industrialisierung steigt das Pro-Kopf-Einkommen dauerhaft. Dabei hat der Westen die Nase vorn - noch.

    Die Weltwirtschaft wächst

    Bruttoinlandsprodukt in Millionen Geary Khamis Dollar, einer künstlichen Vergleichswährung, die der Kaufkraft des Dollar in den USA im Jahr 2005 entspricht.

    1930
    1850
    2011
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    Tabelle

    Kanada 3.304 4.887 6.407 7.961 11.697 15.887 29.225 33.973 50.454 62.744 102.164 159.880 262.098 397.814 524.475 699.382 842.227 862.946
    USA 42.583 69.346 98.166 160.656 214.714 312.499 460.471 593.438 768.314 929.737 1.455.916 2.046.727 3.081.900 4.230.558 5.803.200 8.032.209 9.431.474 9.595.582
    Brasilien 4.959 5.972 6.985 8.871 11.267 12.201 17.078 26.393 35.187 51.381 89.342 167.397 292.480 639.093 743.765 975.444 1.352.927 1.389.902
    Mexiko 5.728 5.971 6.214 9.037 11.860 18.585 25.403 27.164 27.787 37.767 67.368 121.723 227.970 431.983 516.692 726.934 867.839 902.266
    China 247.200 218.470 189.740 197.560 205.379 218.154 236.059 255.719 277.567 281.375 244.985 441.694 636.937 1.041.142 2.123.852 4.319.339 10.746.227 11.738.856
    Indien 125.681 130.282 134.882 143.116 163.341 170.466 210.439 194.051 244.097 265.455 222.222 326.910 469.584 637.202 1.098.100 1.899.526 4.026.531 4.318.092
    Indonesien 14.633 16.781 18.929 21.758 24.815 31.748 40.180 50.779 70.525 86.682 66.358 97.082 138.612 275.805 450.901 672.114 1.119.719 1.192.019
    Japan 21.732 23.563 25.393 31.779 40.556 52.020 64.559 94.654 118.801 209.728 160.966 375.090 1.013.602 1.568.457 2.321.153 2.628.056 2.865.309 2.843.877
    Australien 1.195 3.838 5.810 9.415 13.850 15.014 22.793 25.534 30.458 43.422 61.274 91.085 152.220 210.642 291.180 414.058 552.508 563.751
    Türkei 8.429 9.079 9.729 11.698 13.667 15.635 17.604 12.376 18.649 29.855 34.279 63.417 110.071 181.165 305.395 433.992 634.281 687.941
    Südkorea 5.789 5.840 5.891 6.493 7.096 7.698 8.301 12.889 14.583 25.001 17.800 30.395 69.877 156.846 373.150 673.289 1.041.060 1.078.892
    Iran 5.173 5.611 6.050 7.200 8.350 9.499 10.649 14.236 18.866 23.497 28.128 46.467 120.865 156.643 199.819 306.112 503.576 552.825
    Südafrika 1.568 1.877 2.185 3.969 5.753 7.538 9.322 14.513 21.163 27.814 34.465 52.972 91.986 128.416 147.509 175.305 236.889 244.346
    Ägypten 3.541 4.057 4.573 6.056 7.539 9.022 10.505 12.527 14.781 17.034 19.288 26.617 42.105 88.223 143.000 207.013 335.220 361.233
    Marokko 1.738 1.932 2.126 2.476 2.826 3.175 3.525 5.516 8.211 10.905 13.598 16.507 25.713 44.278 64.082 80.052 129.507 135.042
    Frankreich 58.039 70.577 72.100 82.792 95.074 116.747 122.238 125.850 188.558 165.729 220.492 344.609 592.389 813.763 1.026.491 1.248.521 1.405.264 1.429.364
    Deutschland 48.178 59.096 72.149 86.626 115.581 162.335 210.513 170.235 258.602 377.284 265.354 558.482 843.103 1.105.099 1.264.438 1.556.928 1.684.331 1.735.804
    Italien 33.019 37.543 41.814 46.690 52.863 60.114 85.285 96.757 119.014 155.424 164.957 296.981 521.506 742.299 925.654 1.083.598 1.113.772 1.118.572
    Großbritannien 63.342 81.760 100.180 120.395 150.269 184.861 207.098 212.938 249.551 330.638 347.850 452.768 599.016 728.224 944.610 1.211.453 1.412.630 1.421.883
    Spanien 16.066 19.336 19.556 27.750 28.839 33.164 37.633 46.226 61.435 53.585 61.429 94.119 214.070 344.987 474.366 625.120 762.708 757.293
    UdSSR/Russland 65.259 74.452 83.646 107.114 130.581 154.049 214.281 232.134 252.333 420.091 510.243 843.434 1.351.818 1.709.174 1.151.040 774.253 1.232.791 1.285.801

    Zum prägenden Lebewesen auf der Erde entwickelte sich der Homo sapiens erst vor 15.000 Jahren. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vermehrten sich die Menschen so stark, dass sie sich nicht mehr auf die gewohnte Weise als Jäger und Sammler ernähren konnten. In einem besonders fruchtbaren Gebiet südlich der heutigen Türkei kultivierten sie erstmals Pflanzen und domestizierten einige Tiere. Die neuen Kulturtechniken Ackerbau und Viehzucht verbreiteten sich unter anderem in den heißen Flusstälern Mesopotamiens auf dem Gebiet des heutigen Irak. Dort machten die Bauern aus der Not der Trockenheit eine Tugend und entwickelten ein System zur Bewässerung ihrer Felder – die Grundlage für eine blühende Landwirtschaft und den ersten Staat.

    Immer mehr Städte und Staaten entstanden und breiteten sich bis zum östlichen Mittelmeer aus. Bis sich vor rund 2.000 Jahren das Römische Reich den gesamten Mittelmeerraum einverleiben konnte, dauerte es aber noch viele Jahrhunderte. Zur gleichen Zeit wie das alte Rom schwang sich im heutigen China das Han-Reich zur Großmacht empor. Die Reichtümer auf beiden Seiten Eurasiens brachten Nomaden dazu, eine Verbindung zwischen Ost und West zu schaffen. Allerdings tauschten die Steppenvölker nicht nur Waren und Ideen aus, sondern auch zahlreiche Mikroben. Beide Reiche brachen schließlich auseinander.

    Im Westen, wo arabische Eindringlinge zwar stark genug waren, das alte Kerngebiet um das Mittelmeer zu zerschlagen, nicht aber die Kraft hatten, ein neues Reich zu errichten, ging es bergab. Der Osten hingegen schuf im heutigen China ein Kanalsystem, das ähnliche Bedeutung hatte wie das Mittelmeer in Europa, und zog etwa im 6. Jahrhundert am Westen vorbei. Erst nachdem Christoph Kolumbus im 15. Jahrhundert per Zufall den amerikanischen Doppelkontinent entdeckte, übernahm der Westen wieder die Führung. Die Herausforderungen des transatlantischen Handels brachten schließlich britische Unternehmer dazu, die Kräfte von Kohle und Dampf zu entfesseln und die Industrialisierung einzuläuten. Eine zunehmende Zahl von Erfindungen trieb die Entwicklung voran. Die Eisenbahn ermöglichte den Austausch mit Regionen, die über Wasserstraßen nicht zu erreichen waren. Die Industrialisierung legte den Grundstein für ein bis heute andauerndes Wirtschaftswachstum.

    Nicht ausgeschlossen, dass der Welt ein Führungswechsel bevorsteht 

    Um das Jahr 1850 war Großbritannien im Pro-Kopf-Einkommen weltweit führend. Doch das kontinentale Nordwesteuropa und die Vereinigten Staaten steigerten ihre Anteile an der Weltwirtschaft. Auch Japan und der Rest Europas schalteten sich zunehmend in die Weltwirtschaft ein. Wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich Rohstoffe gehandelt, war der Austausch im späten 19. und im 20. Jahrhundert stärker durch Fertigwaren geprägt.

    Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlitt die internationale Arbeitsteilung jedoch einen tiefen Einschnitt. Auch in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen schotteten sich die Staaten mit Zöllen und bürokratischen Hürden ab. Die Große Depression Ende der 1920er Jahre brachte die Weltwirtschaft schließlich zum Erliegen. In Deutschland, Italien und Japan entwickelte sich übersteigerter Nationalismus zu einem Faschismus, der schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündete. Erst mit dem Sieg der USA und ihrer Verbündeten gelang ein neuer Ansatz der Globalisierung. Die Entwicklung der Informationstechnik versetzte die Unternehmen zunehmend in die Lage, ihre Produktion länderübergreifend zu organisieren. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus beteiligten sich plötzlich hunderte Millionen Menschen an der internationalen Arbeitsteilung.

    Doch nicht nur die Wirtschaft globalisierte sich, sondern auch die Probleme: seien es instabile Finanzmärkte, Pandemien oder der Klimawandel. Die Lösung erfordert jeweils globale Kooperationen – ein ehrgeiziges Unterfangen in einer Zeit, in der die Hegemonie Amerikas zunehmend durch den Aufstieg Chinas herausgefordert wird: Das chinesische Pro-Kopf-Einkommen wächst seit drei Jahrzehnten um rund 8 Prozent jährlich – in den USA sind es nur knapp 2 Prozent. Der Nachholbedarf allein kann die Geschwindigkeit der chinesischen Aufholjagd nicht erklären. In einer Zeit, in der das amerikanische Pro-Kopf-Einkommen noch viel niedriger war als das heutige in China, wuchs die Wirtschaftskraft der USA auch nicht schneller als heute. Nicht ausgeschlossen also, dass der Welt ökonomisch gesehen ein erneuter Führungswechsel bevorsteht – so wie schon einmal vor rund 1.500 Jahren.